Diagnostik von Lese-Rechtschreibschwäche (LRS)/ Legasthenie

Bei der Diagnostik unterschieden wir zwischen einer informellen und einer formalisierten Urteilsbildung. Beide sind für eine aussagekräftige Anamnese unabdingbar, denn mit Blick auf die Ursachen und möglichen Erscheinungsbilder, zeigt sich deutlich, dass auf eine gezielte individuelle Einzeldiagnostik nicht verzichtet werden kann. Während unter einer informellen Urteilsbildung die Befragung der Eltern, Lehrer und Kinder zu Symptomen, Verhaltensweisen und Leistungseinschätzungen des Kindes zu verstehen ist, erfolgt die formalisierte Urteilsbildung mit Hilfe von standardisierten Testverfahren.

Bevor jedoch ein standardisierter Test zum Einsatz kommt, führt der Untersuchende eine ausführliche Erstanamnese durch. Dazu gehören eine detaillierte Befragung der Eltern, Lehrer und des Kindes sowie eine Verhaltensbeobachtung im schulischen Kontext. In einem ersten Gespräch legen die Eltern/Erziehungsberechtigten den Grund ihres Besuches dar und werden bereits hier darum gebeten genaue Angaben zu den vorhandenen Lese-Rechtschreibschwierigkeiten offenzulegen. Der Untersuchende befragt die Eltern zu Schwangerschaft, Geburt und frühkindliche Entwicklung, Kinderkrankheiten, Erlernen der Sprache und Auffälligkeiten in der Kindergartenzeit. Schon aus diesen Ausführungen lassen sich erste Ursachen ableiten, die für das Entstehen der Lese-Rechtschreibschwierigkeiten verantwortlich sein können. Neben dem Gespräch mit den Eltern/Erziehungsberechtigten ist es notwendig auch weitere Personen (z.B. Lehrer) in die informelle Urteilsbildung mit einzubinden sowie eine genaue Verhaltensbeobachtung des Schülers in einer unterrichtsähnlichen Situation oder in der Schule hinsichtlich Lesen und Schreiben, Koordination, Gleichgewicht, Graphomotorik, Hören und Sehen, Körperspannung, Konzentration, phonologische Bewusstheit und Sprache durchzuführen.

Die Überprüfung der Hör- und Sehfähigkeit sollte ebenfalls einen Teil der Diagnostik ausmachen. Es ist notwendig eine Hör- oder Sehminderung auszuschließen, denn diese zeigen ähnliche Symptome, müssen aber anders therapiert werden. Weiterhin ist es wichtig zu klären, ob eine Schädigung der Hirnstruktur vorliegt. Dies erfolgt mittels eines Elektro-Enzephalogramms (EEG), welches die Hirnströme aufzeichnet.

Ist eine detaillierte informelle Urteilsbildung erfolgt, wird diese durch eine formalisierte Urteilsbildung mittels standardisierter Testverfahren ergänzt.

Im Vergleich zu Beobachtungen und Befragungen zeichnen sich standardisierte Testverfahren durch eine gewisse Objektivität aus. Jedoch sei zu bedenken, dass diese Testverfahren nur eine Momentaufnahme des Kindes sind. Das Testergebnis spiegelt lediglich die Leistung eines Kindes an einem bestimmten Tag unter bestimmten Bedingungen wieder und ist somit nur punktuell zu betrachten. Nichtsdestotrotz sind sie ein entscheidendes Glied im Anerkennungsprozess eines Kindes als Legastheniker. In den meisten Fällen erfolgt die Überprüfung einer Legasthenie durch die Diskrepanzbestimmung zwischen den Ergebnissen eines Intelligenztests und eines Rechtschreibtests. Eine Legasthenie liegt vor, wenn der Wert des Rechtschreibtests bei gleichzeitig durchschnittlicher Intelligenz (IQ größer 90 +/-7) unter 10% liegt. Befindet sich dieser Wert zwischen 11 und 20%, müssen weitere Faktoren erfüllt sein, erst dann liegt eine Legasthenie vor. Dazu gehören zum Beispiel:

  • auffallend viele Fehler in der lautgetreuen Rechtschreibung
  • deutlich unterdurchschnittliche Leseleistung
  • deutlich überdurchschnittliches Intelligenzniveau
  • erfolglose langfristige Fördermaßnahmen

Im Folgenden erhalten sie einen Überblick über mögliche standardisierte Testverfahren:

Bestimmung des Intelligenzniveaus

Zu den standardisierte Testverfahren zur Bestimmung des Intelligenzniveaus gehören der WISC-V, K-ABC und  AID.

Standardisierte Lese-Rechtschreibtests

  • Testverfahren zur Feststellung von Schwierigkeiten in der alphabetischen sowie der orthographischen und/oder morphematischen Strategie
    • Diagnostischer Rechtschreibtest (DRT)
    • Hamburger Schreibprobe (HSP)
    • Weingartener Grundwortschatz (WRT)
  • Zusätzliche Tests
    • Hamburger Leseprobe (HLP 1-4)
    • Würzburger Leise Leseprobe (WLLP)
    • Knuspels Leseaufgaben (KNUSPEL-L)
    • Lese- und Rechtschreibtest (SLRT-II)
    • Salzburger Lese-(Rechtschreib-)Test
    • Züricher Lesetest
    • Leseverständnistest für Erst- bis Sechstklässler (ELFE 1-6)

Sollte bei einem Kind auf Grund der Lese-Rechtschreibschwierigkeiten bereits ein seelisches Leiden zu erkennen sein, ist es unter Umständen notwendig ein psychodiagnostisches Verfahren mit hinzuzuziehen. In diesem Falle ist die Konsultierung eines Kinder- und Jugendpsychiaters oder Kinder- und Jugendpsychotherapeuten zu empfehlen. Liegt eine seelische Behinderung vor oder ist eine seelische Behinderung zu erwarten, kommt das Jugendamt bei einer Therapie unterstützend zum Einsatz. Nach §35a SGB VIII (Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche) tritt es als Kostenträger für die Durchführung einer Lerntherapie ein.

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