Wann sprechen wir von einer Lese-Rechtschreibschwäche (LRS)/ Legasthenie

Das Wort Legasthenie bedeutet einfach übersetzt „Leseschwierigkeit“. In der Fachliteratur finden wir im Zusammenhang mit besonderen Schwierigkeiten beim Erlernen der Laut- und Schriftsprache meist drei unterschiedliche Begrifflichkeiten: Lese-Rechtschreibschwäche, Lese-Rechtschreibstörung und Legasthenie. Im internationalen Kontext spricht man vom Begriff der Dyslexie, welcher auch Verwendung in der ICD-10 (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) findet. Hier liegt meines Erachtens auch die Schwierigkeit. Zu viele Begrifflichkeiten verunsichern den Betroffenen.

Erstmalig wurde der Begriff der Legasthenie im Jahr 1916 von dem ungarischen Psychiater Pál Ranschburg benutzt. In seinem später erschienenen Werk „Die Lese- und Schreibstörungen des Kindesalters“ (1928) bezeichnete er die Leseschwäche als Ausdruck einer „nachhaltigen Rückständigkeit höheren Grades in der geistigen Entwicklung eines Kindes“. Auf Grund der Erkenntnisse kam es bis in die 1960er Jahre hinein, bei vorliegender mangelnder Lesefertigkeit, zur Einschulung in die Sonderschule, obwohl bereits 1951 Maria Linder herausfand, dass viele Kinder mit Schwächen beim Erlernen des Lesens normal oder sogar überdurchschnittlich intelligent waren. Ihre Beschreibung der LRS ging seinerzeit als Diskrepanzdefinition in die Fachliteratur ein. Speziell aus pädagogischer Sicht stellte sich diese Definition für Wissenschaftler bald als unbrauchbar dar. Sie sahen es als schwierig an auf die Frage zu antworten, wer denn nun Legastheniker sei und wer nicht, wenn dies immer im Zusammenhang mit der Intelligenz stand.

Zu den neueren Erklärungsmodellen gehörte das von Isabelle Liberman aus dem Jahr 1971. In ihren durchgeführten Studien fand sie heraus, dass die Probleme der Leseschwachen sich oftmals daraus entwickelten, dass sie die phonologische Struktur und Gliederung der Sprache oftmals falsch gebrauchten. Sie berief sich darauf, dass die Mängel in der phonologischen Verarbeitung auf bestimmten Merkmalen im Sprachsystem des Gehirns beruhen und nicht wie allgemein angenommen auf einer sensorischen oder kognitiven Beeinträchtigung. In dieser Zeit entstand das Konzept der Teilleistungsschwäche von Johannes Graichen (1973). In den einzelnen Testreihen zeigte sich, dass einige der leserechtschreibschwachen Kinder bei einer mindestens durchschnittlichen Intelligenz über Defizite in der Sprachentwicklung, andere über Defizite in der visuell-räumlichen Vorstellung, der Graphomotorik oder der Artikulation verfügten. Er spricht hierbei von der „Leistungsminderung einzelner Glieder innerhalb größerer funktionaler Systeme, die zur Bewältigung komplexer Anpassungsaufgaben erforderlich sind“ (Graichen, J.: Teilleistungsschwächen, dargestellt an Bsp. aus d. Sprachbenutzung. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie, 1, 1973).

Im Jahre 1978 wurde der Begriff der „Legasthenie“ von der Kultusministerkonferenz abgeschafft. Jedoch wird er in der Fachliteratur weiterhin benutzt und bezeichnet hier eine schwere Form der Lese-Rechtschreibstörung. Abgeleitet wird der Begriff aus dem Griechischen (legein = lesen; astheneia = Schwäche) und wurde vom wissenschaftlichen Beirat des Bundesverbandes Legasthenie und Dyskalkulie e.V. mit der folgenden Definition festgeschrieben: „Die Legasthenie (Lese-Rechtschreibschwäche) bezeichnet eine umschriebene Störung im Erlernen der Schriftsprache, die nicht durch eine allgemeine Beeinträchtigung der geistigen Entwicklungs-, Milieu- oder Unterrichtsbedingungen erklärt werden kann. Vielmehr ist die Legasthenie das Ergebnis von Teilleistungsschwächen der Wahrnehmung, Motorik und/oder der sensorischen Integration, bei denen es sich um anlagebedingte und/oder durch äußere schädigende Einwirkungen entstandene Entwicklungsstörungen von Teilfunktionen des zentralen Nervensystems handelt“ (www.bvl-legasthenie.de).

Nach dem internationalen Störungskatalog der WHO handelt es sich bei einer LRS/ Legasthenie um eine umschriebene Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten. Es wird unterschieden in

  • 0 Lese-Rechtschreibstörung
  • 1 Isolierte Rechtschreibstörung
  • 2 Rechenstörung
  • 3 Kombinierte Störungen schulischer Fertigkeiten
  • 8 Sonstige Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten
  • 9 Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten, nicht näher bezeichnet.

Bei der Lese-Rechtschreibstörung (F81.0) zeigt sich eine umschriebene und bedeutsame Beeinträchtigung in der Entwicklung der Lesefertigkeiten, welche nicht allein durch das Entwicklungsalter, Sehprobleme oder unangemessene Beschulung erklärbar ist. Weiterhin können das Leseverständnis, die Fähigkeit gelesene Wörter wiederzuerkennen oder vorzulesen, betroffen sein sowie auch das Lösen von Aufgaben, für welche Lesefähigkeit nötig ist. Trotz einer möglichen Verbesserung durch eine rechtzeitig eingeleitete Therapie, können die Rechtschreibstörungen oft bis ins Jugend- oder Erwachsenenalter anhalten.

Bei einer isolierten Rechtschreibstörung (F81.1) spricht man von einer Entwicklungsstörung im Bereich der Rechtschreibfähigkeiten, die ohne eine Beeinträchtigung der Lesefähigkeit einhergeht. Gründe hierfür sind nicht allein ein zu niedriges Intelligenzalter, Visusprobleme oder eine unangemessene Beschulung. Fähigkeiten, wie das mündliche Buchstabieren und das korrekte Schreiben von Wörtern sind hier im Besonderen betroffen.

Eine kombinierte Störung schulischer Fertigkeiten (F81.3) liegt vor, wenn sowohl die Lese-Rechtschreibfähigkeiten als auch die Rechenfertigkeiten beeinträchtigt sind. Auch hier geht die Wissenschaft davon aus, dass sie nicht durch eine allgemeine Intelligenzminderung oder eine unangemessene Beschulung erklärbar ist. Vielmehr soll sie für Störungen genutzt werden, die die Kriterien für F81.0 und F81.1 oder F81.2 erfüllen.

Von der Lese-Rechtschreibstörung/Legasthenie ist der Begriff der Lese-Rechtschreibschwäche zu unterscheiden. Sie wird häufig als eine vorübergehende Lese-und/oder Rechtschreibschwierigkeit definiert. Ursachen liegen in einer unangemessenen Beschulung, in psychischen oder neurologischen Erkrankungen oder in vorliegenden Behinderungen der Sinne, wie z.B. Schwerhörigkeit oder Sehstörungen. Die Leistungen in den durchgeführten Lese- und/oder Rechtschreibtests liegen dabei nur knapp im unterdurchschnittlichen Bereich.

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